Sonntag, 3. November 2013

"Entschuldige, wo genau?!" - Mütter an besonderen Orten.

Heute geht es weiter mit meiner Blogserie. England ist das Land, in dem Mama Jackie mit ihrer kleinen Familie lebt. Vor ein paar Jahren ist sie ihrer großen Liebe auf die Insel gefolgt. Neben ihrem Leben als Vollblutmama und Fotografin schreibt sie auch noch einen wundervollen Blog (klick). Auch wenn ich England bisher nur von Bildern und aus dem TV kenne, so hat mich das Leben dort als Mama neugierig gemacht. Umso erfreuter war ich, dass Jackie mir etwas über ihre Erfahrungen berichten wollte.

Ich wünsche euch viel Spaß & los geht's! :)

Erzähle mir etwas über den Ort in dem du und deine Familie lebt.

Wir wohnen seit ein paar Monaten in der kleinen Stadt Frome in Südwestengland. Vorher haben wir in einem Dörfchen ca. 20 Minuten von hier entfernt gewohnt. Obwohl uns das Landleben sehr gefallen hat, bietet eine Stadt natürlich viele Vorteile und Frome kann wirklich mit viel Charme überzeugen. Ich liebe die vielen alten (typisch englischen) Häuser und es gibt hier auch viele individuelle Geschäfte - nicht nur die großen Ketten. Die Stadt hat auch wirklich ein schönes Gemeinschaftsgefühl und wir sind hier wirklich sehr glücklich.

Hatte dein Wohnort positive oder vielleicht auch negative Auswirkungen auf die Schwangerschaft und die Geburt deines Kindes?

Ich würde nicht sagen, dass es positive oder negative Auswirkungen hatte. Jedoch war ich mit der Schwangerschaftsversorgung im Vergleich zu Deutschland wirklich etwas enttäuscht. Insgesamt hat man nur 10 Termine im Krankenhaus; beim ersten darf man auch nur langweiligen Papierkram ausfüllen. In der 12. Schwangerschaftswoche und in der 20. Schwangerschaftswoche gibt es einen Ultraschall. Die restlichen Termine laufen eher unspektakulär ab; allerdings darf man jedes mal den Herzschlag des Kindes hören. Wenigstens etwas. Wenn man etwas paranoid ist (so wie ich es war!!!) ist das am Anfang, wenn man das Baby noch nicht spüren kann, wirklich sehr hart und man macht sich ständig blöde Gedanken. Ach, sobald man eine Schwangerschaft hinter sich hat, hat man beim nächsten Mal sogar nur 7 Termine!
Ich finde es auch nicht so toll, dass man sich keine Hebamme aussuchen kann, die einen die ganze Schwangerschaft und Geburt hin begleitet. Ich hatte Glück, dass ich, bis auf eine Ausnahme, immer die gleiche Hebamme im Krankenhaus zum Termin hatte und sie sogar in der Nacht, als ich mit Oscar in das Geburtshaus bin, Dienst hatte. 
Aber eigentlich kann ich mich wirklich nicht beschweren. Ich hatte eine schöne Schwangerschaft und die Geburt lief genau so ab, wie ich es mir gewünscht hatte. Eine Wassergeburt ohne irgendwelche "Drogen". Jedoch glaube ich, dass einige Probleme durchaus vorgebeugt werden könnten, wenn die Versorgung in der Schwangerschaft besser wäre. Meine Schwägerin hatte bei der Geburt z.B. Komplikationen, die durch einen Ultraschall später in der Schwangerschaft, durchaus festgestellt hätten werden können.
Damit ich aber nicht nur rumnörgele: Toll finde ich, dass man während der Schwangerschaft bis zum 1. Geburtstag des Kindes von jeglichen Arzt- und Rezeptgebühren befreit ist!

Pekip, Stillcaffee, Musikzwerge, Babyschwimmen & Co. - Was für Möglichkeiten werden dir und deinem Kind in England angeboten?

Die Möglichkeiten sind wirklich grenzenlos. Viele Mamas treten schon in der Schwangerschaft dem NCT (National Childbirth Trust) bei und lernen direkt viele Mamas kennen, die ungefähr zur gleichen Zeit Geburtsermin haben. Ich habe mich damals, aufgrund der sehr hohen Kosten und der Tatsache dass ich schon viele frischgebackene Mamis kannte, dagegen entschieden. Die NCT Gruppen treffen sich dann meist bis die Kinder 1 Jahr sind und ich war auch ein paar mal bei so einer Gruppe - aber es war mir ehrlich gesagt etwas zu "Cliquen"haft.Babyschwimmen, Rhyme Time, Sing and Sign, Storytime...es gibt wirklich einiges um sich mit dem Kind zu beschäftigen. Wir haben damals einen Schwimmkurs mit Oscar gemacht und sind danach meist allein bzw. mit Freunden, die auch Kinder haben, Schwimmen gegangen.Außerdem gehe ich mit Oscar regelmäßig zu einer deutschen Spielgruppe - die Biene Maja Gruppe. Noch ein Grund, warum ich unbedingt nach Frome ziehen wollte. Die Kleinen treffen sich meist 1mal im Monat und mit den größeren Schulkindern treffen wir uns dann alle zusammen zu größeren Anlässen wie Nikolaus, Laternenumzug, Ostern, Fasching, etc. Es ist wirklich schön, da wir dadurch auch viele deutsch-englische Familien kennengelernt haben und Oscar auch viele deutsche Bräuche kennenlernt.

In welchen englischen Läden kaufst du für Oscar ein? Gibt es einen Geheimtipp?

Ich muss sagen, dass ich am liebsten bei ZARA und auch H&M für Oscar einkaufe. Die typische englische Jungsmode besteht meist aus blauen Klamotten mit einem Traktor oder Bagger drauf. Ab und zu kaufe ich jedoch auch gerne etwas bei Joules. Ach und mein absoluter "Geheimtipp" wäre wohl Cath Kidston! Ich liebe diesen Laden und mittlerweile bieten sie wirklich eine große Auswahl an Kleidung für Jungs und Mädchen an! Es vergeht keine Kollektion in der ich nicht mindesten 1-2 Teile für Oscar kaufe.

Tragen, Langzeitstillen & Familienbett - hier in Deutschland doch (leider) sehr umstritten. Was für Feedback bekommst du? 

Die Stillraten in England sind wirklich peinlich. Die Hebammen und Health Visitors versuchen (zum Teil; es gibt leider auch viele schwarze Schafe) wirklich daran etwas zu ändern. Aber die Mentalität der Durchschnitts-Mama in England ist da einfach anders. Bei der Geburt stillen immerhin noch 81%, doch bereits nach 3 Monaten sinkt der Prozentsatz der stillenden Mütter auf magere 17%. 
Ein weiterer großer Trend ist das sogenannte Cry it Out - also schreien lassen. 
Somit hatte ich es am Anfang sehr schwer. Ich war irgendwie immer anders und alle rieten mir mein Kind doch einfach mal schreien zu lassen. Ich verwöhne es doch viel zu sehr, etc etc. Ihr kennt das ja sicher selbst gut genug. Ich war mittlerweile wirklich verzweifelt und fing an, an mir selbst zu zweifeln. Glücklicherweise drückte mir eine Freundin das Buch "Attachment Parenting" von Dr Sears in die Hand. Ich laß es und dachte nur "JA! JA! JAAAA!" Jetzt hatte mein "Stil" also einen Namen! Den gab ich auch ziemlich schnell bei Google und Facebook ein und fand eine Attachment Parenting Gruppe in meiner Nähe. Mit der Zeit knüpfte ich viele Kontakte, lernte Gleichgesinnte kennen und schloss Freundschaften!Mittlerweile habe ich also ein ziemlich gutes Netzwerk voller Mamas, die das Tragen, Langzeitstillen und Familienbett sehr positiv sehen und auch gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir unterstützen uns alle ganz wunderbar und das hilft wirklich viel mehr als jeder (gut gemeinte) Ratschlag mein Kind schreien zu lassen oder ihn doch endlich mal abzustillen.


Hier auf dem Festland gibt es Ummengen an Kindergärten und Grundschulen, wir Eltern haben die Qual der Wahl - Wie ist das bei euch? 

Kindergärten und auch Childminder (Tagesmütter) gibt es hier auch wie Sand am Meer. Soweit ich weiß sind die Preise hier jedoch um einiges höher als in Deutschland. Eine Freundin von Oscar geht EINEN Tag die Woche in den Kindergarten und dafür zahlen die Eltern £150 (ca. 175€) pro Monat.Wir haben es ganz gut, dass mein Mann und ich viel von zu Hause arbeiten können. Wir sind beide Hochzeitsfotografen und teilen uns die Aufträge. D.h. einer von uns beiden ist eigentlich immer da und zur Not sind Oscar's Nanna & Grampy auch sehr glücklich ihn für ein paar Stunden zu sich zu nehmen.
Auch Grundschulen gibt es einige - obwohl es wohl nicht wirklich genug für alle Kinder gibt oder es zumindest immer sehr knapp ist. Das Grundschulthema liegt mir allerdings sowieso noch etwas schwer im Magen. Denn in England gehen die Kinder mit 4 in die Schule. Oscar würde gerade mal 4 Jahre und 1 Monat sein, wenn er in die Schule müsste. Stillsitzen, aufpassen und keinen Mucks machen! Uff!Da mir das sehr gruselig erscheint, suchen wir gerade nach Alternativen. In Frome gibt es eine Steiner Waldorf Schule in der die Kinder in den ersten 2 Jahren noch in eine Art Kindergarten gehen und dann mit 6/7 anfangen Lesen, Schreiben, etc zu lernen. Ausserdem hat man in England die Möglichkeit auf Home Education. Wir haben uns diesbezüglich in letzter Zeit viel informiert und sehen auch das momentan als eine mögliche Alternative. Zum Glück haben wir aber noch etwas Zeit eine Entscheidung zu treffen.

Gibt es sonst noch etwas?

Einen weiteren Unterschied zu Deutschland ist übrigens der Mutterschaftsurlaub. Mutterschutz 6 Wochen vor dem Entbindungstermin gibt es hier gar nicht. Den Mutterschaftsurlaub kann man bis zu 2 Monate vor dem Entbindungstermin ansetzen. Man kann bis zu 12 Monate Mutterschaftsurlaub nehmen, allerdings bekommt man nur die ersten 9 Monate bezahlt. D.h. geht man 2 Monate vorher in den Mutterschaftsurlaub, muss man wieder arbeiten gehen wenn das Kind 7 Monate oder, wenn man es sich leisten kann 3 Monate ohne zusätzliches Geld auszukommen, auch 10 Monate ist.


Liebe Jackie, danke für diesen Einblick in dein Leben außerhalb von Deutschland und diese wunderschönen Bilder. Es ist total interessant, was es doch für Unterschiede gibt. Besonders die wenigen Ultraschalluntersuchungen finde ich erschreckend. Irgendwann werde ich auch mal nach England reisen, die Bilder machen wirklich Lust auf mehr! 

Falls ihr Fragen an Jackie oder Anregungen habt würde ich mich sehr über eure Kommentare freuen!

Ich wünsche euch noch einen schönen Sonntagabend und kommt morgen gut in die neue Woche,

Laura

PS: Ihr seid auch Mama,lebt anders als die meisten Familien oder sogar im Ausland? Vielleicht hat ihr Lust, bei "Entschuldige, wo genau?! - Mütter an besonderen Orten." mitzumachen. Schreibt mir per Mail (klick).


Kommentare:

  1. Liebe Laura, ich liebe diese Serie, das ist so eine tolle Idee. Vielen Dank für die heutige Reise nach England, sehr spannend und traumhaft schöne Fotos, eine ganz süße kleine Familie.

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  2. ... und wow, ich staune und bin sehr nachdenklich, wir scheinen hier in Deutschland in vielen Dingen echt "verwöhnt" zu sein ...

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  3. Liebe Laura,
    die Serie ist so toll! Jackies Fotos sind einfach wunderbar! War aber doch schon ganz erschrocken als ich das mit dem Ultraschall etc. gelesen habe. Wir wissen oftmals gar nicht wie gut wir es in D haben.
    Mir graut es schon vor unserem Umzug im Februar, wobei wir wenigstens in eine schöne Gegend ziehen.

    Bin schon gespannt wo du uns als nächstes mit hin nimmst :-)

    LG, Katja

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  4. Ich liebe diese Serie :) Jackies Blog lese ich auch total gerne. Ich finde es immer total spannend, wie Mama sein woanders ist :)

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  5. Waaaahh, was für tolle Bilder, und das Kinderzimmer - ein Traum!! <3 <3
    Liebe Grüße, Anne

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  6. Ich kenne Jackies Blog auch schon und lese ihn regelmäßig. Das mit dem Ultraschall ist wirklich schade, aber was ich noch schlimmer finde, ist der Mutterschutz und dass du nur 12 Monate nehmen darfst (bzw. 9)!! Heftig! Was wenn du die vollen drei Jahre zu Hause bleiben willst?! Wird man dann gekündigt? Das ist wirklich doof. Mich würde auch interessieren, ob es in England auch Sozial-Versicherungen gibt oder ob man alles selbst tragen muss, wie in den USA zum Beispiel?!

    Klasse Post mal wieder, Danke :-))
    Liebe Grüße
    Lydia

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