Mittwoch, 5. Juni 2013

Der 5. Juni.

Heute vor einem Jahr.

Eine Krankenschwester bestellt einen Krankenwagen der mich abholen soll. Auf einer Liege abtransportiert, aus dem eigenen Krankenhaus. Traumhaft. Mein einziger Gedanke "Bitte lass mich keinen meiner Kollegen so sehen!"

Mein Blutdruck war am Tag davor plötzlich auf 170/120 angestiegen. Diagnose: Gestose in der 32+5 SSW. Mein Zustand hatte sich über Nacht verschlechtert und wir wollten in eine Klinik mit Neonatologie verlegt werden. Nur für den Notfall. In meinem Kopf war mir die kritische Situation gar nicht bewusst. Auch, dass ich liegend (!) transportiert werden musste und die Sanitäter hektisch umher wuselten, war mir zu dem Zeitpunkt nicht wirklich klar.

Mein Plan war ein anderer. Schon früh hatte ich mich in meiner Schwangerschaft mit dem Thema "Geburt" auseinander gesetzt. Für mich stand fest: Ich brauche eine Beleghebamme, die Geburt soll so selbstbestimmt wie möglich stattfinden und am besten NICHT im Krankenhaus. Ich war nicht eine der Schwangeren, die sich viele Sorgen gemacht hat. Ich lief artig zum Schwangerschaft-Yoga, flog in der 29. SSW noch in die Türkei und war auch sonst ziemlich positiv gestimmt. "Meinem Baby geht es gut, ich freue mich auf die Geburt. Alles wird gut gehen!"

Pustekuchen. Innerhalb von 2 Tagen lagerte ich so viel Wasser ein, dass ich meine Augenlieder kaum noch öffnen konnte. 5 Kilo innerhalb ein paar Tage. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er in viele Einzelteile zerspringen, solche Kopfschmerzen hatte ich. Als der Krankenwagen im größeren Klinikum  ankam und man mich auf der Pritsche in den Kreißsaal fuhr war es 13.00 Uhr.

Alt, abgenutzt, grau. Hilfe! Ich bin nicht pingelig und weiß, dass gute Krankenhäuser nicht schön sein müssen. Aber in diesem Zustand war diese räumliche Situation, in meinen Augen eine mittelschwere Katastrophe. Ich glaube, dass ich erstmal in Tränen ausgebrochen bin. Zum Glück war das Hebammen- und Ärzteteam einfach wundervoll. Solche netten Menschen. Das machte diesen tristen Kreißsaal wieder erträglicher.

Die nächsten Stunden wurden mein Baby und ich engmaschig überwacht. Mir wurde erklärt, dass alles versucht wird um meinen Sohn so lange wie möglich im Bauch zu lassen. Das war der Zeitpunkt, wo ich meine erste Lugenreifespritze bekam. Nur für den Notfall.

Klar denken konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Wie ein Film kam mir alles vor. Nicht real. Den Ernst der ganzen Situation konnte ich immer noch nicht einschätzen und dass ich die nächsten Wochen nur liegend im Krankenhaus verbringen sollte, war mir auch nicht klar.

Oft habe ich mir ausgemalt, wie es wohl wird Wehen zu haben und meinem Sohn auf die Welt zu helfen. Ich habe mich auf das Wochenbett gefreut. Kuscheln, stillen und ganz viel Nähe. Es sollte perfekt werden. Schließlich verlief meine Schwangerschaft auch perfekt.

Um 18 Uhr verabschiedete ich meinen Freund. Er musste arbeiten und da mein CTG bisher nicht auffälliger wurde, hatten wir beim "Tschüss" sagen auch kein schlechtes Gefühl. Die restliche Zeit verbrachte ich weiter im Bett am Wehenschreiber. Ich durfte Abendbrot essen und spielte an meinem Handy.

22 Uhr. Der Chefarzt stand in der Tür. Ein Lächeln auf seinem Gesicht. Neben ihm eine junge Ärztin. Auch sie versuchte es mit diesem "Alles wird gut" Gesichtsausdruck.

"Frau B. sie befinden sich in der 33. Schwangerschaftswoche. Wären sie noch nicht so weit, würde wir alles tun um ihr Baby noch länger in ihrem Bauch zu halten. Aber unter diesen Umständen, möchten wir auf der sicheren Seite sein . Ihnen geht es schlechter und das CTG zeigt uns, dass ihr Baby Stress hat. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, ihr Baby zu holen!"

"Okay. Wann denn genau? Morgen?"

"Nein. Jetzt sofort!"

Wumms. Das saß. Mein Körper fing an zu zittern. Schnell wurde mein Freund informiert und alle weiteren Vorbereitungen getroffen. Das Zittern wurde immer schlimmer. Ich war nicht mehr in der Lage meinen Körper zu kontrollieren. Ich kicherte vor mich hin und versuchte mit der Aufregung umzugehen.

22.30 Uhr. Im OP angekommen bekam ich die PDA. Das Team war wieder ausgesprochen nett und wartete wirklich extra lange, bis der erste Schnitt gesetzt wurde. Von Schmerzen wärend einem Kaiserschnitt hört man ja erschreckenderweise immer wieder. Der Anästhesiepfleger hatte seine Digitalkamera und wollte diesen Moment auf Bildern festhalten. Für mich sind diese Fotos ein wahres Geschenk und ich bin ihm heute noch immer sehr dankbar, dass ich die Geburt auf Bildern habe.

Um 23.10 Uhr ertönte ein lautes Geschrei. Paul war geboren. Er wurde mir und seinem Papa gezeigt und machte unschwer erkennbar, dass ihm diese neue Welt so gar nicht passt. 1830 Gramm leicht und 42 cm zart war unser kleiner Kämpfer.

Die Zeit im Krankenhaus empfanden wir nicht als furchtbar. Die ersten 5 Tage die Paul im Inkubator lag, durften wir nur zu bestimmten Besuchszeiten zu unserem Baby. Auf der normalen Intensiv waren wir von morgens bis abends bei Paul. Wir durften ihn selber versorgen und da er ein waschechtes "Vorzeigefrühchen" war, musste er tagsüber nicht an den Überwachungsmonitor. Nach 5 Tagen Neonatologie und 2 weiteren Wochen Intensivstation wurden wir auf unseren Wunsch hin entlassen.

Das war sie also. Die Geburt auf die wir hingefiebert hatten. Die Enttäuschung kam erst viele Wochen später. Das Bewusstsein, dass mein Baby mir direkt weggenommen wurde und ich ihn nur zu bestimmten Zeiten sehen durfte kam schleichend. Die positiven Dinge waren eigentlich meist präsenter. Ich konnte ihn stillen, er entwickelte sich prima, er musste kein einziges Mal beatmet werden. Trotzdem mache ich mir auch heute noch Gedanken, ob die Geburt nicht hätte anders verlaufen können.




Dankbar bin ich jeden Tag, Mama eines so wunderbaren und perfekten kleinen Menschen sein zu dürfen. Die letzten Tage und auch heute bin ich sehr nah am Wasser gebaut und denke viel über unsere tolle Zeit als kleine Familie nach. Nichts hätte ich anders machen wollen. Die Zeit mit meinem kleinen Jungen ist so kostbar und ich schätze sie jeden Tag. Lange habe ich überlegt ob ich Pauls "Geburt-Geschichte" aufschreiben soll. Jetzt bin ich froh und glücklich. Denn Erinnerungen verblassen so schnell.

Ich wünsche euch noch einen tollen, sonnigen Abend und freue mich schon euch bald die Bilder vom heutigen 1. Geburtstag zeigen zu können.

Liebe Grüße,

Laura

Kommentare:

  1. Liebe Laura!
    Ich freue mich erstmals zu lesen das ihr die Situation im Krankenhaus nicht so furchtbar fand! Auch wenn die sogenannte "Entäuschung" später sich in deinen Gedanken einschlich, ist das eine normale Reaktion deinerseits! Welche Mutter wünscht sich nicht eine obtimale Geburt? Aber hey! Sei über die Entwicklung deines Vorzeigefrüchens soo dankbar! Auch selbt ich denke zurück und bin bei ein oder den gedanken trüb dabei! Fühl dich Gedrückt! Und Alles Gute für euch!! :-*

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    1. Danke für deine lieben Worte! Da Paul kein Einzelkind bleiben soll, hoffe ich auf eine zweite tolle Geburt. :)

      Ganz liebe Grüße an dich,

      Laura

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  2. Auch wenn alles ganz anders gekommen ist wie geplant habt ihr einen tollen Jungen bekommen. Anton lag auch 2.5 Wochen auf der Frühchenstation und was wir so alles gesehen und erlebt haben.. ich war und bin jeden Tag dankbar, dass alles soweit gut gelaufen ist und wir 'nur'5 Wochen früher Eltern wurden. Es bleibt einen für immer in Erinnerung und ich hoffe das nächste Kind darf sofort zu uns
    Alles Liebe Ina, die dir bei Instagram folgt

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    1. Liebe Ina.

      Man nimmt so viel mit. Sorgen, aber auch pure Dankbarkeit. Ich hoffe auch sehr das unser 2. Kind auf natürlichem Weg zu uns darf. Wieso kam Anton zu früh?

      Ganz liebe Grüße,

      Laura

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  3. Hi Laura,
    Wirklich wieder toll geschrieben.
    Man stellt sich immer alles ganz anders vor, als wie es dann kommt. Aber so oder so wird es immer der schönste Tag in deinem Leben bleiben.
    Und jetzt ist dein kleiner Kämpfer schon ein Jahr alt... Es ist unglaublich wie schnell sie groß werden, ich würde am liebsten auch ganz oft die zeit anhalten.
    LG Lena

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    1. Liebe Lena.

      Jaaa. Ich suche auch manchmal nach den "Stop-Knopf". Das Jahr ging so schnell vorbei. Aber zum Glück folgen noch viele weitere Jahre. :)

      Liebe Grüße an dich,

      Laura

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  4. Liebe Laura,
    du hast den Bericht ganz toll geschrieben, und ich finde es toll das du so ehrlich geschrieben hast!
    Ich arbeite in einer Praxis im Krankenhaus als MTA und es kommt auch immer mal wieder vor das wir Fruehchen roentgen muessen :-( Es ist wirklich wahnsinn wie klein sie sind.
    Jetzt ist Euer Schatz aber ja schon ein Grosser und du wirst sehen, bald schon wird er krabbeln und dann auch laufen :-) Es geht alles so wahnsinnig schnell und man muss einfach jede Sekunde geniessen - auch die nicht so schönen ;-)
    Ich hoffe ihr hattet einen ganz tollen Tag und habt schön gefeiert!
    Freu mich schon auf den Geburtstagspost.
    Liebe Gruesse,
    Katja

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    1. Danke dir liebe Katja! :)

      Der Tag war stressig aber schön. Aber das weisst du bestimmt aus Erfahrung. Wie war eure Piratenparty?

      Ganz liebe Grüße,

      Laura

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  5. So schön geschrieben. ........ oh man bald wird es auch bei uns 1 Jahr sein, die Zeit verfliegt so unwahrscheinlich schnell .
    Dem kleinen Räuber alles liebe mach weiter so!
    Liebe Grüße

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    1. Danke dir! Ja die Zeit rennt. Aber jede Zeit ist irgendwie toll. :)

      Liebe Grüße an dich,

      Laura

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  6. Hach. Schon echt...hart!
    Freunde von uns haben ihr Baby schon in der 28. SSW auf die Welt bringen muessen. Ich fand das damals schon so unglaublich. Wow. Ihr habt echt was durch gemacht. Und ihr seid stark gewesen :) Und jetzt ist euer kleines Baby schon 1 Jahr alt!! Nochmals alles Liebe!

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    1. Danke dir Jackie! Zum Glück war Paul direkt so gut drauf und unsere Sorgen waren dadurch nicht ganz so groß wie bei manch anderen Frühcheneltern. 28. Woche ist nochmal ein ganz anderes Kalieber. Hoffe dem Baby deiner Freunde geht es gut! :)

      Ganz liebe Grüße an dich,

      Laura

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  7. Ich freue mich, dass es euch und dem kleinen Kämpfer gut geht!
    Alles, alles Liebe weiterhin und das die nächte Geburt so ist,
    wie ihr es euch wünscht <3

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    1. Danke dir du Liebe!

      Das hoffen wir auch :) Wie und wo planst du denn die Geburt von deinem kleinen Jungen?

      Liebste Grüße,

      Laura

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    2. Wir wünschen eine Hausgeburt!
      Meine Hebamme begleitet mich/uns seit einigen Wochen und ich muss sagen, sie ist ein Goldstück.
      Ich hoffe, mit ihrer Hilfe, unser Kind zur Welt bringen zur dürfen :)

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  8. Hallo,

    ich finde auch das Erinnerungen verblassen. Zurück bleibt dann oft nur die Quintessenz und man kommt nur selten auf Details. Manchmal gelingt es beim Erzählen, da fällt einem oft noch dieses oder jenes ein, aber das wird mit den Jahren auch weniger. Das ist auch ein Grund weshalb ich damals in der Schwangerschaft das Bloggen begann. Ich wollte und will nichts vergessen. :)

    Das ist wirklich fies, was ihr da mitmachen musstet. Wie kam es denn bloß zu diesen Wassereinlagerungen. Also dass man seine Augenlider nicht mehr heben kann...

    Gut, dass alles gut gegangen ist und ihr "so gut weggegkommen" seid. :)

    Wir mussten leider auch einen Kaiserschnitt, wenn auch in Ruhe und Tage/Wochen vorher geplant, mitmachen, weil die Maus einfach verkehrt herum saß und dicht an 4 Kilo dran war. Aber immerhin wussten wir so ungefähr, was auf uns zukommt.

    Alles Liebe Ulrike

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    1. Liebe Ulrike.

      Warum diese Schwangerschaftsvergiftung aufgetreten ist, weiss keiner. Das kann jeder Frau passieren. Die Wassereinlagerungen kamen wegen meinem extrem hohen Blutdruck.

      Ich hoffe das ihr eure Zeit nach dem Kaiserschnitt richtig genießen konntet! :)

      Liebe Grüße,

      Laura

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    2. Hallo. Ja, konnten wir. Danke. Ist aber eben auch schon 5,5 Jahre her. ;) Danke für deine Antwort!

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  9. Als Baldmama, habe ich noch genau vor solchen Situationen Angst, aber du schreibst es mit einer so besonderen Art und so ist meine Zuversicht gleich wieder etwas gewachsen! Ich dank dir! Liebste Grüße, Kerstin

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    1. Liebe Kerstin.

      Schön von dir zu lesen. Danke für deine lieben Worte. Es macht mich sehr glücklich, dass ich durch meine Berichte anderen Mamas die Angst etwas nehmen kann.

      Liebe Grüße an dich,

      Laura

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